Tausende demonstrieren in Mexiko am Jahrestag des »Verschwindens« der 43 Studenten. Protest gegen neoliberale Reformen und Militarisierung

Von Lena Kreymann/Mexiko-Stadt
»Lebend wurden sie uns genommen
»Lebend wurden sie uns genommen”: Der Vater eines »verschwundenen« Studenten auf der Demonstration am Samstag in Mexiko-Stadt

Die Botschaft bei der Demonstration in Mexiko-Stadt am Samstag ein Jahr nach dem »Verschwinden« der 43 Studenten war deutlich: »Ihr seid nicht allein.« Dieser Ruf der Protestierenden war an die Eltern der Vermissten gerichtet, die den Zug zusammen mit Kommilitonen von der Pädagogischen Landschule Raúl Isidro Burgos und ihren Unterstützern aus den lokalen Menschenrechtszentren im Bundesstaat Guerrero anführten. Auch in anderen Städten des Landes gingen Tausende Menschen auf die Straße. Die jungen Studenten waren vor einem Jahr nach einer Protestaktion in Iguala von der Polizei festgenommen worden, die diese an eine kriminelle Bande übergab.

Zu den zunächst nur wenigen tausend Menschen, die bei der Residenz des Präsidenten, Los Pinos, losgezogen waren, stießen unterwegs weitere Blöcke hinzu. So schlossen sich die Gewerkschaften der verschiedenen Universitäten und weiterführenden Schulen sowie zahlreiche soziale und politische Organisationen an. Besonders groß war der Anteil von jungen Menschen. Sie berührt offenbar das Schicksal der 43 Studenten, von denen die meisten zum Zeitpunkt ihres »Verschwindens« selbst erst um die 20 Jahre alt waren. Angesichts des unübersehbaren Zugs scheinen die Angaben der Stadtregierung untertrieben, die dem Internetportal Animalpolitico.com zufolge erklärte, es hätten 15.000 Personen an der Demonstration teilgenommen.

Auf dem Paseo de la Reforma, einer der Hauptstraßen der mexikanischen Hauptstadt, erwarteten Tausende den Zug, um sich diesem anzuschließen. Ihre Unterstützung für die ankommenden Eltern und ihre Forderungen drückten sie auf vielfältige Weise aus: Einige posierten in weißen Kleidern mit den omnipräsenten Aufklebern »Uns fehlen 43«, andere zückten ihre Macheten, auf denen »Kein Vergeben, kein Vergessen« und »Ayotzi sind wir alle« geschrieben stand. Viele führten mexikanische Fahnen mit sich, deren rote und grüne Streifen durch schwarz ersetzt worden waren.

Während der Demonstration wiesen die Eltern und ihre Unterstützer vom Lautsprecherwagen auf das allgemeine Problem hinter dem »Verschwinden« der 43 hin: In Mexiko werden rund 26.000 Personen vermisst. Sie prangerten auch die Repression gegen die Pädagogischen Landschulen an sowie deren ständige und politisch gewollte Unterfinanzierung. Dem stellten sie die Ausgaben für die zunehmende Militarisierung des Landes gegenüber.

Der Protest richtete sich auch gegen verschiedene neoliberale Reformen, die momentan im Mexiko umgesetzt werden, und insbesondere gegen die daraus resultierenden Vertreibungen der Landbevölkerung. Bei der Abschlusskundgebung vor dem Nationalpalast am zentralen Zócalo-Platz erklärte einer der Väter, das »Verschwinden« seines Sohnes habe ihm erst gezeigt, in welchem Zustand sich das Land befinde.

Noch eine Stunde nach Ankunft der Demonstrationsspitze strömten trotz Dauerregen weitere Menschen auf den Platz, so dass die Stadtregierung am Ende 18.000 Kundgebungsteilnehmer zählte. Zum Abschluss sprachen zunächst die Eltern der 43. Ihre Wut richtete sich vor allem gegen den Präsidenten Enrique Peña Nieto, der bei einem Treffen am Donnerstag ihre Forderung nach einer unabhängigen Untersuchung zurückgewiesen hatte. »Ich habe nicht studiert, aber ich weiß, dass die Ignoranten andere sind«, erklärte ein Vater. Die Angehörigen verlangen seinen Rücktritt. »Aber zuerst muss er uns unsere Kinder zurückgeben.«

Daran schlossen sich Redebeiträge von Vertretern verschiedener Organisationen an, darunter die Lehrergewerkschaft CNTE und der Nationale Indigenenkongress CNI. Besonders enthusiastisch begrüßte die Menge Hipolito Mora, Chef der Selbstverteidigungseinheiten aus Michoacán. Er erinnerte daran, dass viele Mitglieder solcher Gruppen, die sich zum Schutz der Kommunen gegen die Drogenkartelle gebildet hatten, heute im Gefängnis säßen.

Trotz der kämpferischen Rhetorik gab es während der gesamten Veranstaltung keine Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Ordnungskräften. Vidulfo Rosales, Anwalt der Angehörigen, der immer wieder zur Ruhe aufrief und die Polizei zur Zurückhaltung mahnte, erklärte dazu: »Wir sind keine Pazifisten. Wenn es notwendig ist, werden wir ihnen entsprechend antworten.« Jetzt aber gehe es darum, zu beweisen, dass die Bewegung geordnet, organisiert und friedlich protestieren könne. Die Stadtregierung gab laut Animalpolitico nach der Demonstration an, es habe keine Festnahmen gegeben.

junge welt 28. September 2015