Als Antwort auf den skandalös einseitigen Bericht in der “Rundschau” vom 31. Mai 2017 zu den Geschehnissen in Venezuela:

Sehr geehrte Herren vom Schweizer Fernsehen,

speziell Herr Brotz

Was sie sich da mit der Rundschau-Sendung vom 31. Mai geleistet haben, ist einem guten Journalismus unwürdig. Sie hätten ja einen öffentlich-rechtlichen Informationsauftrag und müssten nicht die per Inserate gekauften anderen Massenmedien kopieren. Ein kritischer Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass Fakten recherchiert und nicht Clichés reproduziert werden, dass in einem Konfliktfall beide Seiten angemessen zu Wort (oder zu Bild) kommen, und dass es auch noch historische Wahrheiten gibt, die einzubeziehen notwendig wären.

 

In ihrem Rundschau-Bericht zu Venezuela unterschlagen sie sämtliche relevanten Fakten, die das gezeigte Bild wesentlich relativieren würden. So verschweigen sie insbesondere, dass diese anscheinend so böse und total versagende Regierung sich immer auf eine Mehrheit bei demokratisch durchgeführten Wahlen stützen konnte. Von 19 Urnengängen (Wahlen und Referenden) hat sie deren 17 klar und deutlich gewonnen, inklusive die Abstimmung über die gültige Verfassung. 

Die von ihnen so hervorgehobene Opposition hat alle diese Niederlagen nie akzeptiert, die einzige sichtbare politische Forderung die sie stellt und für die sie seit 18 Jahren mit allen Mitteln mobil macht, ist der Sturz der gewählten Regierung. Mit allen Mitteln heisst in diesem Fall: Ein Staatsstreich und Ausserkraftsetzung des Parlaments (2002), heisst Wirtschaftssabotage, heisst Vandalenakte, kurz: Aushebeln der verfassungsmässigen Ordnung..

Von all dem ist im Rundschau-Bericht nicht die Rede. Im Gegenteil: Es kommen wörtlich nur “die Gesichter der Opposition” zu Wort, das heisst kein Sprecher der Regierung (oder der Chavistas) wird zitiert;

weiter:

 – der Slogan “Armut trotz Rohstoffreichtum” ist rein polemisch, kein Wort zu den gesunkenen Rohstoffpreisen, kein Wort zu den real erfolgten Anstrengungen, die Armut zu senken (gemäss UNO-Standards), kein Bild von den vollen Supermärkten;

 – hingegen wird eine anonyme Studie zitiert, ohne klare Quellenangabe, gemäss der die Venezolaner im Durchschnitt 8 kg an Gewicht verloren haben sollen. Das ist journalistisch in diesem Medium unzulässig;

 – ganz generell wird keine einzige – der sehr vielen – Massnahmen der Regierung im sozialen Bereich (die erfolgreichen Missiones für Bildung, Gesundheit, Wohnen usw) auch nur erwähnt, im Gegenteil, dass an den neuen bolivarianischen Universitäten gratis studiert werden kann, wird noch schlecht geredet, “das Bildungsniveau sei gesunken” – kein Wunder, wenn die Studenten seit Jahren nur noch auf der Strasse randalieren, und nicht mehr studieren;

 – die Studenten auf der Strasse können sich weinend über das Tränengas beklagen, wie gewaltsam und gegen was für Einrichtungen sie selber seit Wochen vorgehen, wird nicht gezeigt (letzte Woche wurden zum Beispiel in einem zentralen Depot 52 Busse des öffentlichen Transportes abgefackelt),

 – jede Regierung in jedem anderen Land würde nicht über eine so lange Zeit versuchen, mit relativ friedlichen Mitteln gegen diese pausenlosen Demonstrationen, Vandalenakte und Blockaden vorzugehen – auch davon ist in der Rundschau nicht die Rede, genausowenig aufgrund welcher Delikte die Verhaftungen erfolgt sind;

 – genausowenig wie sie über die – weitgehend bekannten – Ursachen der jetzigen Todesopfer spricht, und diese indirekt sogar als Folge der Repression erscheinen lässt,

 – die oppositionelle Vorzeigestudentin will weiterkämpfen, “bis die Regierung nachgibt” – ja in welchem Punkt denn? Sie selber nennt jedenfalls keine (studentische) Forderung, der nachgegeben werden könnte;

 – lediglich die von den Oppostionsparteien erhobene Forderung nach Absetzung von Maduro und nach Neuwahlen wird aufgewärmt, ohne Erwähnung der Rolle dieser Opposition, wie der Staatsstreich von 2002 (Chavez absetzen), oder der desaströsen Bestreikung der Erdoelindustrie, oder der Guarimba-Aktionen mit 43 Toten von 2014;

 – und für den oppositionellen Jungpolitiker Pizarro geht es angeblich weder um links noch um rechts, sondern gegen den Sozialismus – die Partei, die er vertritt (ausgerechnet vor der Slum-Kulisse des Petare), Primera Justicia ist aber ganz klar rechtsaussen positioniert. Auch diese Information bleibt dem Schweizer Zuschauer vorenthalten. 

Nein, da haben sie sich ein ganz übles Machwerk geleistet. Wenn ich die Berechtigung dazu hätte, würde ich ganz klar eine Gegendarstellung verlangen. Bringen sie doch einmal ein Interview mit dem venezolanischen Botschafter in der Schweiz, der alle von mir erwähnten Fakten – und noch einige mehr – bestens kennt. Ich stütze mich auf mehrere Aufenthalte in Venezuela (Augenzeuge!) sowie auf direkte Quellen aus diesem Land, die auch dem Schweizer Fernsehen problemlos zugänglich sind.

Ich grüsse empört und enttäuscht zugleich

René Lechleiter