Honduras: Oppositionsbündnis gibt sich auch nach der Wahl entschlossen.

Gespräch mit Idalmi Cárcamo und Mariben Hernández

Interview: Thorben Austen
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Wird auch 2018 in Honduras nicht nachlassen: Der Widerstand gegen den angeblichen Wahlsieg von Juan Orlando Hernández (Oppositionsprotest in Tegucigalpa, 22. Dezember 2017)

Idalmi Cárcamo ist führendes Mitglied der honduranischen Linkspartei Libre

Mariben Hernández ist Mitglied von Libre und im Gewerkschaftsbund CUTH aktiv

Gegen den honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández, der entgegen der Verfassung seines Landes eine weitere Amtszeit anstrebte und mittlerweile antrat, gab es in den vergangenen Monaten starke Proteste. Eine bedeutende Figur dabei: Salvador Nasralla, ein früherer Sportreporter, der für die Linkspartei Libre kandidierte. Am 22. Dezember hat Nasralla seinen Rückzug aus der Politik und das »Verschwinden« der Oppositionsallianz angekündigt, nachdem zuvor die USA den angeblichen Wahlsieg Hernández’ anerkannt hatten. Bedeutet das das Ende der Protestbewegung?Idalmi Cárcamo: Nein. Am 26. Dezember gab es ein Treffen der Allianz gegen die Diktatur, an dem auch Nasralla und der Generalkoordinator der Partei Libre, Expräsident Manuel Zuleya, teilnahmen. Dort wurde das weitere Vorgehen besprochen und neue Proteste für den Januar angekündigt. Im Moment wird dafür noch nicht mobilisiert, denn wir brauchten eine Pause, um unser Leben wieder zu organisieren. Es hat Blockaden gegeben, die unter anderem die vier wichtigsten Zufahrtsstraßen im Land betrafen; die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Dingen war davon beeinflusst, Geschäftsleute haben das für Preiserhöhungen ausgenutzt. Darüber hinaus sind die Tage um Weihnachten eine schlechte Zeit für Mobilisierungen. Ein Problem ist auch, das die Antikorruptionspartei von Nasralla keine so feste Struktur hat wie die Partei Libre oder die Partei Pinu, Nasralla selbst ist politisch eher unerfahren. In der Partei Libre zum Beispiel sind aber alle Organisationen aus dem Widerstand gegen den Putsch von 2009 vereint.

Die Medien verbreiten allerdings Desinformation. Sie erzählen den Menschen, die Proteste seien zu Ende. Das nützt den Herrschenden. Aber im Januar wird es weitergehen, und wir werden noch entschlossener als zuvor protestieren.

Nach aktuellen Informationen gab es während der Proteste 35 Tote und rund 2.000 Verletzte. Etwa 300 Menschen wurden zudem festgenommen, sie sind politische Gefangene. Werden sie und ihre Familien unterstützt?

Mariben Hernández: Es gibt ein Anwaltsteam, das ehrenamtlich arbeitet und sich um die Gefangenen kümmert. Von vielen wissen wir aber gar nichts. Durchsuchungen finden auch jetzt noch statt: Die Polizei dringt in die Häuser der Familien ein und nimmt junge Menschen mit, die die Hauptorganisatoren der Proteste waren. Es gibt auch gezielte Morde. Das erinnert an das Vorgehen der Todesschwadronen in den achtziger Jahren. Und ja, auch den Angehörigen wird geholfen. Zum Beispiel wird an der Schule, an der ich arbeite und in der ein Jugendlicher erschossen wurde, Geld gesammelt für dessen Familie.

Eine allgemeinere Frage. Wie ist die Situation in bezug auf die öffentlichen Dienstleistungen? Sind sie, wie im Nachbarstaat Guatemala, zu großen Teile privatisiert?

Idalmi Cárcamo: Hier ist alles privatisiert. Und in den privaten, ehemals staatlichen Unternehmen ist die gewerkschaftliche Organisierung sehr schwierig. Ein Beispiel dafür ist der Bereich der Telekommunikation. Auch die Krankenversicherung IHSS liegt nach einem Korruptionsskandal am Boden: Die ganze Familie von Hernández hat sich bedient, wir haben die korrupteste Regierung aller Zeiten. In den Krankenhäusern fehlt es am Nötigsten, an Spritzen, Handschuhen, Medikamenten. Medienwirksam hat Hernández junge Leute zum Arbeiten in die Kliniken geholt, die sind aber nur notdürftig in Erster Hilfe ausgebildet. Was machen sie, wenn es einen richtigen Notfall gibt? Wenn du heute in Honduras keinen Centavo (die Währung des Landes, jW) hast, und ernsthaft krank bist, dann stirbst du.

Sie sprachen davon, dass es schwierig sei, gewerkschaftliche Arbeit zu organisieren. Gibt es dafür Beispiele?

Idalmi Cárcamo: Sehen Sie, mit 35 gilt man heute in Honduras bereits als alt. Viele Firmen, so etwa die zahlreichen Fastfoodketten wie McDonalds, wollen nur junge Arbeitnehmer. Und die sollen dann bitteschön nicht einer Gewerkschaft beitreten.