Guatemalas früherer Diktator Ríos Montt ist tot. Seine Verbrechen bleiben ungesühnt

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Gedenken an die Opfer der Militärdiktatur am Sonntag in Guatemala-Stadt

Am Sonntag starb in Guatemala-Stadt der frühere Diktator Efraín Ríos Montt im Alter von 91 Jahren. Sein Name steht für die schlimmste Zeit des 36jährigen Bürgerkrieges in Guatemala.

Nachdem er im März 1982 durch einen Putsch an die Macht gelangt war, begannen seine Soldaten, unterstützt und angeleitet von US-Militärberatern, im Hochland Guatemalas systematisch die Bevölkerung zu ermorden. Zehntausende Indígenas und Kleinbauern fielen dieser Politik zum Opfer, Hunderttausende flohen nach Mexiko, in die USA und in entlegenere Gebiete Guatemalas. Nach Schätzungen hat es während des gesamten bewaffneten Konflikts, der erst 1996 zu Ende ging, 250.000 Todesopfer, 45.000 »Verschwundene« und 1,4 Millionen Vertriebene gegeben, die Mehrzahl in den Jahren 1982/1983 unter der Regierung von Ríos Montt. Nach Ende des Bürgerkrieges veröffentlichte Untersuchungen machen für 93 Prozent der Verbrechen die Regierung verantwortlich, nur für drei Prozent die Guerilla und für vier Prozent andere Gruppen.

Der offizielle Grund für die Massaker war die Bekämpfung der Guerilla. 1960 hatten erste Gruppen den bewaffneten Kampf gegen die Diktatur aufgenommen, die seit dem 1954 von den USA und einheimischen Eliten organisierten Putsch gegen die demokratisch gewählte Regierung von Jacobo Árbenz bestand. Tatsächlich dürfte es den Herrschenden aber vor allem um die Kontrolle der an Bodenschätzen reichen Hochlandregionen gegangen sein. In der Region, in der die meisten Massaker stattfanden, sind heute zahlreiche internationale Bergbaukonzerne an der Ausbeutung der Bodenschätze beteiligt. Das Land befindet sich in den Händen weniger Großgrundbesitzer, nicht selten mit familiären Bindungen zur damaligen Militärclique.

1996 endete der Bürgerkrieg mit einem Friedensabkommen zwischen der Regierung und der 1982 zur Guatemaltekischen Revolutionären Nationalen Einheit (URNG) vereinigten Guerilla. Eine Aufarbeitung der Verbrechen kam jedoch nicht zustande, ein Amnestiegesetz schützte die Täter. Die Massaker der Jahre 1982 und 1983 wurden letztlich allerdings als Völkermord eingestuft und fielen damit nicht unter das Amnestiegesetz. Auf dieser Grundlage wurde Ríos Montt im Mai 2013 zu einer 80jährigen Haftstrafe verurteilt – diese jedoch schon wenige Tage später wegen Verfahrensfehlern wieder aufgehoben. Anschließend wurde die Wiederaufnahme des Verfahrens immer wieder verzögert, bis zum Oktober 2017. Ríos Montt musste aber an der hinter verschlossenen Türen geführten Verhandlung wegen einer diagnostizierten Demenz nicht mehr teilnehmen.

Dennoch gab der Prozess den Angehörigen der Opfer Hoffnung auf Gerechtigkeit. Sie riefen deshalb noch am Tag des Todes von Ríos Montt zu einer Protestkundgebung in der Hauptstadt auf. Der Kampf um Gerechtigkeit sei mit dem Tod des Exdiktators nicht zu Ende.

Der einflussreichen extremen Rechten und Teilen der starken evangelischen Religionsgemeinschaften Guatemalas gilt Ríos Montt bis heute als Idol. Staatspräsident Jimmy Morales von der durch Exmilitärs gegründeten Partei FCN sandte ein offizielles Kondolenzschreiben an die Familie seines Amtsvorgängers. Ríos Montt wurde mit militärischen Ehren beerdigt, Salutschüsse und »Viva el general« inklusive. Der Fernsehsender Canal 3 strahlte Interviews mit Trauergästen aus. Einer von ihnen sagte, dass »Guatemala ohne Ríos Montt heute ein kommunistisches Land wie Venezuela wäre«. Die Opfer der Massaker blieben im dem mehrere Minuten dauernden Nachrichtenbeitrag unerwähnt.

Thorben Austen, Quetzaltenango

https://www.jungewelt.de/artikel/330147.keine-gerechtigkeit.html?sstr=venezuela