Boliviens Präsident Evo Morales bleibt im Amt. Bei der Wahl am Sonntag ist der Sozialist mit fast 60 Prozent klar bestätigt worden. Laut Erhebungen des Umfrageinstitutes Ipsos am Wahlabend haben sich über 59 Prozent der 5.971.152 Wahlberechtigten im Inland für den Linkspolitiker der regierenden »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) ausgesprochen. Eine Stichwahl ist somit nicht notwendig. Erstmals nahmen an den Präsidentschaftswahlen auch 272.058 Exilbolivianer in 33 Ländern teil, die Mehrzahl in Argentinien, Spanien und Brasilien.Der Chef der »Bewegung zum Sozialismus« war 2006 als erster indigener Volksvertreter an die Spitze eines lateinamerikanischen Staates gewählt worden. In der Folge hat er sich unter anderem mit der Nationalisierung des Öl- und Gassektors, dem Ausbau der Sozialprogramme sowie einer antiimperialistischen Außenpolitik einen Namen gemacht.Tausende Anhänger feierten am Sonntag abend in La Paz den erneuten Wahlsieg. Vom Balkon des Regierungspalastes aus rief ihnen Morales zu: »Heimatland ja, Kolonie nein! Hier standen sich zwei Modelle gegenüber, die Privatisierungen und die Nationalisierungen – und die Nationalisierungen haben mit mehr als 60 Prozent gewonnen!« Seinen Sieg widmete er unter großem Jubel dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro, dem verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und allen »antiimperialistischen und antikapitalistischen Führern«.

Seine Gegner landeten weit abgeschlagen. Der Zementunternehmer Samuel Doria Medina landete mit 25,1 Prozent auf Platz zwei, seine wirtschaftsliberal-konservative Partei der »Demokratischen Einheit« (UD) ist wichtigste Oppositionskraft. Der frühere Präsident Jorge »Tuto« Quiroga kam mit 9,6 Prozent der Stimmen auf den dritten Platz. Der sozialdemokratische Exbürgermeister von La Paz, Juan del Granado, von der »Bewegung ohne Angst« (MSM) erzielte 2,9 Prozent, der Kandidat der »Grünen Boliviens« (PVB), Fernando Vargas, 2,7 Prozent. Auch die Zweidrittelmehrheit im Kongress scheint laut staatlicher Nachrichtenagentur ABI gesichert. Der MAS kommt auf 24 von 36 Senatssitzen, im Unterhaus gingen 80 von 130 an die Regierungspartei.

Die breite Legitimation des zum dritten Mal nach 2005 gewählten Morales strahlt auch über regionale Gräben, die in der elf Millionen Einwohner zählenden Nation seit eh und je gepflegt werden. Die einstige Spaltung der Morales-Wählerschaft in andines Hochland und amazonisches Tiefland scheint sich zu schließen. So holte der MAS-Star in der Oppositionshochburg Santa Cruz fast 50 Prozent, im tropischen Pando 53 Prozent und im erdgasreichen Tarija 48 Prozent. Kaum überraschend fielen die Hochland-Departamentos Chuquisaca (60 Prozent), La Paz (66 Prozent), Cochabamba (65 Prozent), Oruro (64 Prozent) und Potosí (64 Prozent) an den Sohn einer armen Aymara-Bauernfamilie. Allein in der »Fleischkammer« Beni unterlag Morales mit 40 Prozent seinem Herausforderer Medina.

Internationale Wahlbeobachter bescheinigten einen normalen Ablauf. »Ich möchte dem Wahlgericht für die vertrauensvolle Arbeit bei der Organisation dieser Wahlen gratulieren«, erklärte Iván Rabalho, Chef der Beobachtergruppe der MERCOSUR-Staaten, die demokratischen Spielregeln für eingehalten. In Bolivien, dem Land mit den meisten Militärputschen der Welt, seien »die zahlreichen internationalen Delegationen« Zeugen einer »freien, bewussten und souveränen Wahl« geworden. Bolivien habe »ein neues Blatt in seiner demokratischen Geschichte geschrieben«, so der Brasilianer. Alejandro Tullio, der Vorsitzende der UNASUR-Beobachterkommission und Direktor des Wahlgerichts im Nachbarland Argentinien, lobte den friedlichen Ablauf als »bürgerliches Reifezeugnis«. Die Vertreterin des Lateinamerikanischen Parlaments, Estela Acero, konstatierte, die Bolivianer hätten »ihr Wahlrecht wahrgenommen und ihre Volksvertreter gewählt«.

Bolivien erlebt damit eine bisher ungekannte Stabilität. Nicht umsonst heißt der Regierungssitz, von dem aus Morales das Amt führt, »Palacio Quemado«, der verbrannte Palast – 1875 hatten Aufständische das Kolonialgebäude in Brand gesetzt. Selbst aus den USA kommt Lob. Die New York Times kürte den 54Jährigen wegen seiner Beliebtheit zum »feuerfesten Präsidenten«. Der Ruf eines schnell entzündlichen Staates – mit 83 Regierungen, von denen 36 nicht mehr als ein Jahr oder noch weniger überdauerten und 37 Diktaturen waren – dürfte bis 2020 Geschichte sein. Dann wählt Bolivien einen neuen Präsidenten.

junge welt
13.. Oktober 2014
Benjamin Beutler

Siehe Berichte unserer ALBASUIZA-Delegierten direkt aus Bolivien – auf Spanisch